Sigune Schnabel

3 Gedichte


Hinter den Lidern

 

steht das Haus meiner Kindheit.

Geschichten wohnen darin,

und unter den Dielen

liegen noch die Schreie.

 

Ich stoße meine Stimme

in die Dinge

und setze Frühlinge

in den Boden.

 

Doch Mutter steht wie damals

am Bücherregal

und erntet Zeilen,

die sie mittags auf die Teller streut.

Auf meinen Lippen

riechen die Worte

verbrannt.

 

Über Grenzen

 

Es gibt keinen Halt,

nicht im Kinderbett

an der Tür der guten Träume,

nicht auf der Schaukel,

nicht an den Widerhaken der Zeit.

 

Und es brechen die Gräser,

die Äste,

die Stimmen der Kindheit,

während der Putz von den Wänden fällt:

Von Erinnerungen bröckeln

die Farben.

 

Und Mutter näht nicht mehr

die Tage zusammen,

im Wohnzimmer, wenn wir schlafen,

prüft nicht mehr den Saum

dieser Stunden,

die fransen.

 

Aus meinem Kopf

wirft ein Haus

Schatten

weit über die Grenzen

der Haut.

 

Gewachsen

 

Wir sind aus demselben Holz geschnitzt

wie die Bretter vor den Köpfen,

tragen schwer an Meinungen

hinterm Berg.

Du bist für mich Luft-

angriff allein

auf weiter Flur

und nur

wenn ich am Rad

drehe, bewege ich mich weiter

ins Blaue.

 

Die nächsten Schritte setzt du

in den Sand.

Ich rühre keine Hand

am Saum des Meeres.

Leer sind meine Taschen.

Wir waschen unsre Hände

in Schuld und uns die Köpfe

mit allen Wassern,

 

bis wir

über unsre Worte stolpern.

Groß sind sie geworden

wie wir.

 



Sigune Schnabel, geb. 1981 in Filderstadt, Diplomstudium Literaturübersetzen in Düsseldorf. Zahlreiche Veröffentlichungen in Anthologien und Zeitschriften, z. B. Die Rampe, Krautgarten, Wortschau und mosaik. Verschiedene Preise, u.a. Thuner Literaturfestival Literaare und Ulrich-Grasnick-Lyrikpreis 2017 sowie postpoetry.NRW 2018. Einzeltitel: Apfeltage regnen, Geest-Verlag, Vechta 2017; Spuren vergessener Zweige, Geest-Verlag, Vechta 2019. Link zur Homepage der Autorin: www.sigune-schnabel.de