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LYRIK IN ZEITEN VON CORONA

Viele Betriebe der Kreativwirtschaft haben den Digitalpakt erst dank ihrer Coronapleite entdeckt. Ein SUBKULTURMINISTERIUM hätte nachhaltigere Wirkung als panische Rettungsschirme, die das Problem NACH DER KRISE wieder unter den Virenteppich kehren.

Auch wenn das Konzept eines SUBKULTURMINISTERIUMS bislang sowohl von der Regierung als auch von den Kreativen höchstselbst (noch) nicht diskutiert wurde (Stand: Mai 2020), hat die Panikmache doch eine gute Seite: sie setzt ungewöhnliche neue kreative Energien frei, um trotz des Virus' hochkarätige Projekte zu erfinden und dem Virus damit zumindest auf seelisch-geistig-intellektuell-poetischer Ebene zu trotzen anstatt nutzlos im Homeoffice an der Lage zu verzweifeln. STATT DEPRESSION: DICHTUNG! STATT ZU LAMENTIEREN: LITERATUR! Auf zwei vorbildliche internationale Projekte möchte der Poesiesalon.de aufmerksam machen - und unterstützt diese auch in der Timeline des Twitter-Accounts "CoronaKULTUR" ...


WEDER EMPHATISCH NOCH EMPATHISCH

AUFRUF ZUR PARODIERUNG

Durs Grünbein dichtete am 8.4.2020 für die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG "über die Auswirkungen von Corona". Mirko Wenig kommentierte den poetischen Versuch auf Twitter mit den Worten: "Ich mag Grünbein und seine Gedichte. Aber heute hatte ich das Bedürfnis, durch die ganze Stadt zu laufen und alle Exemplare der Süddeutschen Zeitung aufzukaufen, um potentielle Leser vor diesem #Corona-Gedicht zu schützen. Geistige Körperverletzung!" (Tweet vom 9.4.2020, 14:47h) Der POESIESALON.DE-Betreiber Tom de Toys twitterte zurück: "Ach du Scheisse! Meint der Grünbein das ernst??? Die Kosten zum Aufkaufen aller Exemplare erstattet dir das Subkulturministerium nachträglich, mit Bonus! (Nebenbei: ich mag sowieso keine Gemüsedichtung, aber dann noch mit Viren vergiftet: ne, das geht gar nicht. GAR NICHT!" (Tweet vom 9.4.2020, 15:00h)

Obwohl es sich bei dem Gedicht "Ein Feind, unsichtbar" von Durs Grünbein um ein sehr schlechtes, noch nicht einmal "bemühtes", sondern einfach nur peinlich überflüssiges Stück Staatspop ohne jegliche poetische Qualität handelt, tut Grünbein der freien Lyrikszene und jedem unbekannten Hobbydichter damit einen Gefallen; denn er ermutigt selbst den schüchternsten, scheuesten Schubladendichter, sich zu trauen, die eigene literarische Verarbeitung der Coronakrise zu veröffentlichen, ohne davor Angst haben zu müssen, als schlechter Dichter verrissen zu werden - SCHLECHTER ALS SCHLECHT GEHT NUNMAL NICHT! Vielleicht hat Grünbein sogar absichtlich so "volksnah" gereimt, daß es einen schüttelt, um genau das zu bewirken: wenn der konservativste, etablierteste Hofdichter der Nation (nach Grass, über dessen schlechte Sonette sich kein geringerer als HEL ToussainT einmal vor vielen Jahren fürchterlich aufregte) derart langweiligen, uninspirierten Mediensprech als Lyrik verkaufen darf, dann darf wirklich jeder dichten, was das Zeug hält: HAUT IN DIE TASTEN, DICHTER, UND ZEIGT DEM OSTERHASEN DIE BILDER* - UND NATÜRLICH WO DER PFEFFER WÄCHST! Pseudo-expressionistische Zeilen ohne Emphase im Rhythmus und Wortschatz wie "In den Warenhäusern trauern die Waren" oder "in den Zeiten der Pandemie. So sicher war die Stadt nie" floppen auch bei mehrmaligem wohlwollenden Lesen und lassen sich daher nur toppen! Mit dem pseudo-pathetischen Finale "So schnell kann es gehen, schreibt ein kleines Mädchen ins Tagebuch, und etwas von einem bösen Traum, der den Frühling verschlingt" landet Grünbein eine Steilvorlage zur Abschreckung vor weiteren pseudo-engagierten Lyrizismen ohne echte Empathie und lädt dazu ein, sein Gedicht phonetisch zu imitieren, um zu zeigen, wie schnell es gehen kann, wenn das Tagebuchgedicht eines Vorzeigelyrikers einem bösen Traum gleicht, der die Kriterien für gute Literatur verschlingt. Dirk Grünspan hat mit seiner parodistischen Replik "MEIN FUMMEL, UNSEXY" einen Anfang gemacht. Der POESIESALON.DE ist bereit, weitere Parodien zu präsentieren.

 

 *Anspielung auf eine Kunstaktion von Joseph Beuys

 

Eine parodistische Replik auf das Gedicht von Durs Grünbein: "Ein Feind, unsichtbar"

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Dirk Grünspan, 9.4.2020 © POEMiE™

MEIN FUMMEL, UNSEXY

 

 

Die Ameisen stolzieren nackt weiter,

auch ohne Vergütung.

Es gibt keinen Tee mehr,

Cafés und Bordells sind nur für

geschlossene Gesellschaften

in Zeiten der Pausenclowns.

So selbstsicher war der Schurke noch nie!

In den Wartesälen trampeln

Wahnsinnige alles zu Boden.

Sogar die Konsumtempel sind mittags

schon frei von Hashtags!

Die Pulsadern der Menschen: leer.

Einzelne, am Tisch massakriert,

ziehen als Zeitgeister in Lumpen

um den Block wie Mimosen

vor einem schweren Anstieg der Berge.

Ausgehärtet sind jetzt die Strassfinger

in salonfähigem Frieden,

mit klinisch weißem Blick geröntgt. 

Niemand und nichts belauert den Stall,

ein Pferd, das unsichtbar bleibt.

Nur von Impfungen ist die Rede,

von nichts Außerirdischem mehr.

Alles zwanghafte Leben erlogen

bis hin zur täglichen PC-Konfiguration,

die Schüttelreime vom Supermarkt.

So schnell können wir gehen, es scheint

nur ein Märchen im Totenbuch, und etwas

von einem bombastischen Trampulin,

auf das der Frühaufsteher hinkt, nach dem

Hausarrest, des Trolls blutige Lenden.

Nicht alle erwidern den Segen.

 

Das Originalgedicht von Durs Grünbein:

"Ein Feind, unsichtbar" (8.4.2020)