Außerdem von Boris Kerenski: die Coproduktion mit Marvin Chlada "Hast du das gehört?"

 


Boris Kerenski

Auszug aus »Tristesse cool serviert«

 

Sekundiert von Kopfschmerzen finde ich zurück ins Leben: komatöse Stunden – der Wein und die Drinks ...


Mit dem Klischee-Steward sprach ich nur Französisch, was ihn begeisterte, sodass er unaufgefordert nachschenkte, während er le savoir-vivre anpries, zumindest das, was er darunter verstand: Aperitifs hier, ein Gläschen dort – und das toujours.


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– »H O L L Y W O O D« –


Buchstaben auf einem Hügel ... Passagiere springen auf, quetschen sich in fremde Sitzreihen, beugen sich säuerlich müffelnd über mich.


»It’s so amazing ...«


Bete um ein Luftloch, das den Sensationsauflauf an die Decke knallt.


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»Mit dem Flugzeug zu fliegen ist kein Reisen. Ich reise ja nicht nur, um irgendwo anzukommen. Ich reise, um wegzukommen.«


Paul Bowles – ein Zitat, wie aus der Zeit geschnitten.


Gründe für meinen Trip?


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– Abusus –


Nichtraucherflüge sind Qual und Standard. Zugeständnis an eine gesundheitsbewusste Epoche.


Doch Rettung naht: Polternd fährt der Vogel die stählernen Beine aus.


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Goldene Löffel ersparen das Los der Prostitution als Reisejournalist. Fantasielos beginnen solche Reportagen meist mit dem Wetter, intensiven Gerüchen, überwältigendem Chaos, einer beängstigenden Stille ... – ganz großes Gähnen.


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– Venice Beach –


Bei der Unterkunft handelt es sich um eine Retro-Geschichte. Zu spät geborene Hippies, die dem Original nacheifern: sich täglich zudröhnen und gammeln ...


Underdogs, Verweigerer, Suchende ... – ich sag: Spießer!


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– »Genie« –


Ein Junge sieht zum ersten Mal das Meer und urteilt lapidar: »Das ist nich schön.«


Wie würde dieser schlaue Bursche dann erst über die Strandpromenade mit ihren touristischen Pfaden abkotzen!?


Im Hintergrund Jogger, Muskelmänner und Beachvolleyballer, die aussehen wie sich seltsam bewegende Insekten.


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Ungeniert zeigen moderne Stars in der Klatschpresse ihre ehrliche Haut: hängen im Baumarkt den Wanst raus, machen in Badeschlappen mit Socken auf bodenständig... Geben sich wie die Proleten, die ihre Elaborate bewundern – und ich wette: Sie sind aus dem gleichen Holz geschnitzt.


Zur Oscar-Verleihung werden Anzüge und Kleider geliehen, man sieht vernünftige Frisuren und professionelles Make-up ... Der Proll kommt durch: Sich schick machen.


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Die Uniform des Kontrollverlusts dominiert das Trottoir. Klobige Turnschuhe, Ballonseide, Baseball-Kappen, Hosen mit dem Schritt in Kniehöhe, als ob die halbstarken Träger einem nicht operierten, ins Skrotum gerutschten Leistenbruch Stoffbahnen zugestehen müssten.


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– Petrol-Station –


Ein aufgedrehtes Metal-Girlie erbettelt eine Zigarette, weil sie keine 18 ist und der Tankwart auf den Ausweis besteht. Mein Blick klebt an dem schaurigen Tattoo zwischen ihren Schlüsselbeinknochen: »Eddie« – der durch Gliederkettchen, die das Oberteil zusammenhalten, gefangen ist, und durch ihre fahrigen Bewegungen eine geheimnisvolle Existenz entwickelt.


Intim ist der Moment und gleicht einer Verschwörung, als sie die Kippe zwischen meinen Händen zum Glühen bringt.


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– Sterne mit Namen –


Flaniere über den »Walk of Fame«. Entlang des Boulevards: Fressbuden, die von Immigranten geführt werden. Boutiquen mit vietnamesischen Qualitätsklamotten, Armbändchen und Souvenirs ... Überall lauern Greifer, die einen in ihren Schuppen ziehen und Zeug aufschwatzen wollen. Entkomme ich ihnen, stehen schon die Schnorrer parat: »Please, Mister! ...«


Alles ist ohne Stil und Glamour. Ernüchternde Erkenntnis: Eine Regenbogen-Dokumentation, eine Simulation verspricht mehr, als das Original leisten kann.


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– The American Dream? –


»Verfälscht, verkommen bis zur blanken Lüge.«


Wer glaubt an den Weihnachtsmann, wer baut noch Sandburgen?


Finde das Land der Freien bisher alles andere als traumhaft. L.A. liegt mir im Magen wie Ölsardinen am Abend.


Boris Kerenski *1971 in Stuttgart, studierte in seiner Geburtsstadt an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste bei den Professoren Dieter Groß, Hans Dieter Huber und Joan Jonas. Er verantwortete Pressearbeit, machte Werbung, unterrichtete als Dozent im Literaturhaus Stuttgart, war Redakteur für diverse Print- & Onlinemedien & ist mittlerweile als Gymnasiallehrer tätig. Sein künstlerisches Werk umfasst u.a. Collagen, literarische Texte und von ihm edierte Anthologien/Kataloge. Mehr unter: www.boriskerenski.com