Festanstellung als Staatsreligion

"In diesem Land gibt es noch vor dem Christentum eine Staatsreligion, und sie heißt Festanstellung. (...) Diese gruselige Haltung ist nebenbei einer der Gründe, warum das nächste Google mit Sicherheit nicht aus Deutschland kommen wird. Das übernächste auch nicht. Dabei ist unternehmerisches, selbstständiges, kreatives Denken für das digitale 21.Jahrhundert essenziell, denn auch Google hat mal klein, garagig, selbstständig angefangen." Sascha Lobo, 9.12.2020: Der deutsche Staat verachtet Selbstständige und Kreative (Kolumne in: SPIEGEL NETZWELT)

 

Aus: Kolumne von Sascha Lobo, 9.12.2020 (in: SPIEGEL NETZWELT)

Der deutsche Staat verachtet Selbstständige und Kreative

 

Die wahre Staatsreligion in diesem Land ist die Festanstellung. So erklären sich die Corona-Sonderregeln und Milliardenhilfen. Bei Selbstständigen tut der Staat, als seien sie selbst schuld an fehlenden Aufträgen:

Es gibt reichlich Lippenbekenntnisse zur Wissensgesellschaft oder zur Kreativ- und Kulturindustrie, aber die mit Abstand wichtigste Arbeitsform dafür wird geringst geschätzt. Ist gut genug, ein bisschen Glanz und Schmuck ins Haus zu bringen, aber im Zweifel sollen die Kreativen und Selbstständigen bitte aus dem Weg gehen und diejenigen nicht nerven, die richtig arbeiten. Also fest angestellt. (...) Selbstständige sind diejenigen, die unternehmerisch arbeiten, dabei oft dringend benötigte Innovationen hervorbringen, aus denen später vielleicht irgendwann einmal große Unternehmen hervorgehen. Oder vielleicht auch nicht. Aber staatliche Anerkennung gibt es eben erst, wenn Selbstständige für Festanstellungen sorgen. Vorher sind sie eine Last. (...) Traditionell schmückt sich die deutsche Politik gern mit allem Kreativen und den Innovationsleistungen von Selbstständigen. Allerdings nur, wenn sie erfolgreich sind, weil sie dann kaum Ansprüche stellen. Auf keinen Fall aber sollte man erwarten, dass im angeblichen Land der Dichter und Denker das Dichten und Denken prinzipiell angemessen wertgeschätzt und in der Folge auch bezahlt wird – was eher kein Problem des Marktes, sondern ein systemisches Problem ist. (...) Hierzulande aber folgen Gesetze und mit ihnen Verträge der Überzeugung, dass die eigentlich wertvolle Arbeit nicht die kreative, selbstständige ist. Sondern die der Verwerter, der großen Konzerne, mit ihren fest angestellten Strukturen und warmen Büros. (...) Einerseits ist unternehmerische Selbstständigkeit im Festanstellungsland Deutschland ab Werk verdächtig, bis sie das Gegenteil beweist (in dem sie für Festanstellungen sorgt). Andererseits gibt es eine tief sitzende, manchmal antiintellektuelle Verachtung gegenüber Leuten, die nach der vorherrschenden Fußgängerzonen-Meinung nicht »richtig« arbeiten. Sondern nur so Gedöns machen. Deshalb ändert niemand die absurd ungerechten Strukturen. (...) In diesem Land gibt es noch vor dem Christentum eine Staatsreligion, und sie heißt Festanstellung. Mit dem Kampfruf »Das sichert Arbeitsplätze!« lässt sich deshalb fast jedes Vorhaben rechtfertigen – Umweltzerstörung, Subventionsexzesse und sogar Waffenverkäufe an Diktaturen. Weil Arbeitsplätze heilig sind, aber eben nur die fest angestellten. Selbstständigkeit zählt nicht, sie ist unsolidarisch, überprivilegiert und irgendwie unseriös. Diese gruselige Haltung ist nebenbei einer der Gründe, warum das nächste Google mit Sicherheit nicht aus Deutschland kommen wird. Das übernächste auch nicht. Dabei ist unternehmerisches, selbstständiges, kreatives Denken für das digitale 21. Jahrhundert essenziell, denn auch Google hat mal klein, garagig, selbstständig angefangen.